Auswanderung aus Grünwettersbach – ein Kapitel von Not, Hoffnung und verlorenen Spuren

(nach dem Wettersbacher Heimatbuch, Ausgabe 1975, S. 129–137)

Die Auswanderung aus Grünwettersbach bildet eines der traurigsten und zugleich bewegendsten Kapitel der Ortsgeschichte. Sie ist Ausdruck tiefgreifender sozialer, wirtschaftlicher und politischer Krisen, die viele Einwohner dazu zwangen, ihre Heimat zu verlassen – oft ohne Gewissheit, ob sie jemals zurückkehren würden. Was für die Betroffenen Hoffnung auf ein besseres Leben bedeutete, stellte für die Gemeinde einen schmerzlichen Verlust an Arbeitskraft, Familien und Tradition dar.

Ursachen der Auswanderung

Die Hauptursachen der Auswanderung lagen in einer Kombination aus wirtschaftlicher Not, politischer Enttäuschung und sozialen Spannungen. Besonders schwer traf Grünwettersbach – wie viele andere Orte in Südwestdeutschland – die Zeit nach den napoleonischen Kriegen. Die Jahre 1817 bis 1819 gingen als Hungerjahre in die Geschichte ein: Missernten, Teuerung und wachsende Verschuldung stürzten zahlreiche Familien in existenzielle Not. Viele Menschen sahen keine Möglichkeit mehr, ihre Familien zu ernähren oder ihre Schulden abzutragen.

Hinzu kam die politische Situation. In den Befreiungskriegen hatten die Fürsten ihren Untertanen Freiheit, Verfassungen und eine gerechtere Besteuerung in Aussicht gestellt. Nach dem Sieg über Napoleon wurden diese Versprechen jedoch vielfach gebrochen. Wer ihre Einlösung einforderte, geriet nicht selten ins Visier der Obrigkeit. Verfolgung, Überwachung und sogar Inhaftierungen schürten das Gefühl politischer Unterdrückung und trieben insbesondere freiheitsliebende Männer zur Emigration, um anderswo ein Leben in Freiheit zu suchen.

Daneben spielten auch persönliche Motive eine Rolle. Abenteuerlust, Leichtsinn oder der Wunsch, der Enge des Dorflebens zu entkommen, führten einzelne zur Auswanderung. In manchen Fällen unterstützte die Gemeinde selbst die Emigration sogenannter „schlechter Elemente“, also von Personen mit problematischem Lebenswandel, die als Belastung für die Dorfgemeinschaft galten. Auch dies zeigt, dass Auswanderung nicht immer allein freiwillige Hoffnungstat war, sondern mitunter auch sozialer Ausstoß.

Auswanderungswellen

Besonders stark waren die Auswanderungsbewegungen in zwei Phasen: in den Jahren nach 1814 und erneut nach der Revolution von 1848. Beide Zeiträume waren von wirtschaftlichen Krisen und politischen Enttäuschungen geprägt. Die Kirchenbücher vermerken in diesen Jahren auffallend häufig schlicht: „Ausgewandert nach Amerika“ oder „in Pohlen“.

Für das Vaterland galten die Auswanderer als verlorene Arbeitskräfte, in der Fremde jedoch wirkten sie – so formuliert es das Heimatbuch – als „Kulturdünger“. Sie brachten Wissen, Arbeitsamkeit und Ordnungssinn in neue Siedlungsgebiete ein, oft unter großen persönlichen Entbehrungen.

Ziele der Auswanderung

Die meisten Grünwettersbacher Auswanderer zog es in drei Regionen:

  • in die Vereinigten Staaten von Nordamerika,
  • nach Polen und weiter nach Südrussland, insbesondere nach Bessarabien,
  • in geringerem Umfang auch nach Brasilien.

Diese Ziele unterschieden sich deutlich in ihren Voraussetzungen und in den späteren Lebenswegen der Auswanderer.

Auswanderung nach Polen und Südrussland (Bessarabien)

Die Auswanderung in den Osten bildete neben Amerika das zweite große Ziel. Erste Hinweise finden sich bereits um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Zwischen 1798 und 1804 werden mehrere Personen genannt, die nach Polen ziehen wollten oder tatsächlich auswander­ten, darunter Mitglieder der Familien Kist, Bodamer, Claupein, Kappler und Schenkel. In späteren Kirchenbucheinträgen taucht bei einzelnen Personen der Vermerk „in Pohlen“ auf.

Nicht alle fanden dort ihr Glück. Einige kehrten enttäuscht zurück und wurden – gegen Zahlung eines Geldbetrags – wieder als Hintersaßen aufgenommen. Diese Rückkehrer zeigen, dass Auswanderung stets ein Wagnis war.

Die Besiedlung Bessarabiens ab 1815

Von weit größerer Bedeutung wurde jedoch die Ansiedlung in Südrussland, im später sogenannten Bessarabien. Zar Alexander I. hatte deutsche Siedler ins Land gerufen und ihnen Land, Religionsfreiheit und wirtschaftliche Vergünstigungen zugesichert. Dies zog zahlreiche Auswanderer aus Südwestdeutschland an.

Ein herausragendes Beispiel ist Friedrich Kist. Er war um 1803 nach Preußisch-Polen gezogen, hatte dort geheiratet und sich eine Existenz aufgebaut. Die Wirren der napoleonischen Feldzüge und die schlechte Verwaltung veranlassten ihn jedoch, 1815 dem Ruf des Zaren zu folgen. Mit seiner Familie ließ er sich im Tschagaer Tal nieder, in der neu gegründeten Siedlung Klöstitz. Seine Nachkommen brachten es durch Fleiß und Sparsamkeit zu beachtlichem Wohlstand. Ein Enkel Friedrich Kist besaß über 300 Hektar Land und errichtete ein herrschaftliches Anwesen. Im Dürrejahr 1904 bewies er große Menschlichkeit, indem er Getreide an Notleidende abgab und ihnen eine Zahlung erst nach der nächsten Ernte erlaubte.

Noch eindrucksvoller verlief der Aufstieg der Familie Bodamer. Johann Ulrich Bodamer hatte zunächst in Preußisch-Polen gelebt, sein Sohn Johann Friedrich Bodamer kam 1815 nach Bessarabien. Dessen Sohn Friedrich erwarb später einen riesigen Landbesitz von rund 8.400 Hektar und galt um 1850 als der reichste deutsche Kolonist der Region. Ein weiterer Nachkomme, Gottlieb Bodamer, war Oberschulze des Klöstitzer Gebietes, engagierte sich für wirtschaftliche und kulturelle Einrichtungen und galt als Wohltäter. Trotz Plünderungen im Revolutionsjahr 1917 und erheblicher Landverluste durch die Agrarreform von 1923 bewirtschaftete er den verbliebenen Besitz bis ins hohe Alter.

Der spätere Zusammenbruch dieser Existenzen zeigt jedoch die Brüchigkeit selbst großer Erfolge. Revolution, Kriege und politische Umwälzungen zerstörten im 20. Jahrhundert den Wohlstand vieler Familien. Die Nachkommen der Kist und Bodamer wurden in alle Winde zerstreut – nach Rumänien, in die USA sowie nach Ost- und Westdeutschland.

Auswanderung nach Amerika

Die Auswanderung nach Amerika war zahlenmäßig das bedeutendste Ziel. Bereits 1737 verließen Martin Radel und Johann Pfrönder mit ihren Familien Grünwettersbach in Richtung Neu-Georgien. Dieses frühe Unternehmen endete tragisch: Radel, seine Frau und eine Tochter starben 1738 in Rotterdam. Dennoch folgten weitere Auswanderer. 1751 erhielt Justine Catharina Bodamer einen Taufschein für die Auswanderung nach Pennsylvanien.

Im 19. Jahrhundert nahm die Auswanderung nach Amerika stark zu, besonders nach 1814 und nach 1848. In den Kirchenbüchern finden sich zahlreiche Namen von Einzelpersonen und Familien, die in die Vereinigten Staaten aufbrachen. Die Gründe waren dieselben wie bei der Ostwanderung: wirtschaftliche Not, politische Unterdrückung und Hoffnung auf ein besseres Leben.

Illusionen und bittere Realität

Das Heimatbuch zeichnet jedoch ein ernüchterndes Bild von der Realität in der Neuen Welt. Viele Auswanderer wurden Opfer skrupelloser Betrüger, sogenannter „Bauernfänger“. Berichtet wird etwa von einem Betrugsfall in Amsterdam, bei dem ein Mann rund 60.000 Gulden an Fahrtkosten kassierte und dann verschwand. Tausende Auswanderer aus der Schweiz, dem Elsass und Württemberg lebten daraufhin in bitterster Armut.

Auch in Amerika selbst erfüllten sich die Hoffnungen nur selten. Selbst wohlhabende Auswanderer verarmten, da sie betrogen wurden oder sich in der neuen Umgebung nicht zurechtfanden. Nur wenige gelangten zu Reichtum; von erfolgreichen Grünwettersbacher Auswanderern ist nichts bekannt. Die meisten mussten härter arbeiten als in der Heimat und konnten sich nur durch „eisernen Fleiß und größte Sparsamkeit“ ein bescheidenes Auskommen sichern. Manche kehrten enttäuscht zurück.

Erinnerung und Bewertung

So unterschiedlich die Wege der Auswanderer auch waren – ob nach Amerika oder nach Bessarabien –, gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Heimat meist aus Zwang verließen. Für Grünwettersbach bedeutete die Auswanderung einen schmerzlichen Aderlass. Für die Auswanderer selbst war sie Hoffnung und Risiko zugleich.

Das Wettersbacher Heimatbuch kommt zu dem Schluss, dass die Auswanderer in der Fremde eine beachtliche kulturelle und wirtschaftliche Leistung vollbrachten. Dennoch ist das Schicksal der meisten Grünwettersbacher Auswanderer aus dem 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts heute vergessen oder unbekannt. Ihre Geschichten sind nur noch in Kirchenbüchern, alten Akten und wenigen überlieferten Berichten greifbar – stille Zeugnisse eines Kapitels von Not, Mut und Hoffnung, das die Geschichte des Dorfes nachhaltig geprägt hat.

Online Suche

Die Auswanderer-Dokumentation des Hauptstaatsarchivs Stuttgart und des Generallandesarchivs Karlsruhe bietet Ihnen eine direkte Datenrecherche nach Auswanderern, eine Galerie ausgewählter Archivquellen zur Auswanderung sowie zur Einführung in das Thema.

Auswanderer des 19. Jahrhunderts (Auszug Wettersbacher Heimatbuch 1975)

Im Laufe des 19. Jahrhunderts reisten zahlreiche Einzelpersonen und Familien nach Amerika (in die Vereinigten Staaten):

| Name | Jahr/Zeitraum | Anmerkungen |

|---|---|---|

| Johannes Preiß | 1810 | Reiste am 23. April ab. |

| Adam Fäuchel und Ehefrau Christina Catharina Maier mit Familie | 1830 | Reisten nach Amerika. |

| Jacob Friedrich Heck mit 2. Frau Maria Catharina Ott und Familie | 1830 | Wanderte nach Amerika aus. |

| Lediger Andreas Löffler | 1836 | Folgte nach Amerika. |

| Jacob Friedrich Bonin und Christina Barbara Löffler mit Familie | 1841 | Gingen nach Amerika. |

| Elisabeth Margarete Löffler und Georg Friench mit Ehefrau Magdalena Preiß und Familie | 1842 | Wanderten nach Amerika aus. |

| Michael Ullmer mit Familie | Februar 1847 | Gingen nach Amerika. |

| Michael Löffler | 1850 | Gingen nach Amerika. |

| Andreas Heinold | 1850 | Gingen nach Amerika. |

| Johannes Rohrer | 1851 | Gingen nach Amerika. |

| Gottfried Friebolin | 1851 | Gingen nach Amerika. |

| Johann Adam Hattich | 1851 | Gingen nach Amerika. |

| Georg Jacob Claupein | 1851 | Ging heimlich nach Amerika. |

| Johann Rothfuß | 1852 | Gingen nach Amerika. |

In der Auswandererdatei des Landesarchives Baden-Württemberg sind 324 Grünwettersacher und 68 Palmbacher Personen aufgeführt, die ausgewandert sind oder die Auswanderung beantragt haben. 

Zur Seite Palmbacher Auswanderer Zur Seite Grünwettersbacher Familienforschung 

Neue Ortsfamilienbücher Palmbach und Grünwettersbach veröffentlicht

Auf den Spuren der Vorfahren: Ortsfamilienbücher Palmbach und Grünwettersbach sind erschienen (Ausgabe vom 01.12.2025)

Ortsfamilienbuch Palmbach und GrünwettersbachMit den vorliegenden Ortsfamilienbücher Palmbach und Grünwettersbach liegt erstmals eine umfassende genealogische Dokumentation der Familien vor, die  in Grünwettersbach seit ca. 1640 und in Palmbach seit der Gründung der Waldensergemeinde im Jahr 1701 und bis ins 20. Jahrhundert hinein lebten und wirkten. Über viele Jahre hinweg wurden Kirchenbücher, Standesregister, archivalische Quellen sowie private Familienunterlagen ausgewertet, verglichen und mit Ergebnissen aus der Onlinerecherche zusammengeführt. Entstanden ist ein sorgfältig recherchiertes Nachschlagewerk, das nicht nur Familienforscherinnen und Familienforschern wertvolle Dienste leistet, sondern auch ein eindrucksvolles Stück Lokalgeschichte bewahrt.

Da ein Ortsfamilienbuch nie endet, nehmen wir gerne Ergänzungen auf. Weitere Infos bei www.waldenserweg.de 

 

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.