Da hier das Flechtwerk nicht wie sonst üblich mit einer abschließenden Putzschicht verdeckt oder übersteht, sondern im Originalzustand unverputzt zu sehen ist, spricht man in der Denkmalpflege von einem unverputzten/freiliegenden Lehmflechtwerk-Giebel oder einer offenen Stakenwand. In der historischen Bauforschung nennt man diese Wände, bei denen biegsame Holzruten (z. B. Hasel, Weide) um vertikale Holzstaken geflochten werden, kurz Stakenwand oder Rutenwand.
Historische Scheunengiebelwand am Wetterbach – Am Wetterbach 61 in Grünwettersbach
Die Giebelwand der alten Scheune ist ein anschauliches Beispiel für eine traditionelle Fachwerkkonstruktion mit einer besonderen, heute selten gewordenen Wandfüllung. Das sichtbare Holzgerüst besteht aus kräftigen senkrechten und waagerechten Balken sowie schräg verlaufenden Streben, die der Konstruktion Stabilität verleihen. Die dunkel verwitterten Hölzer bilden einen deutlichen Kontrast zu den hellen Wandfüllungen.
Bauart und Herstellung
Die Wand wurde in traditioneller Holzfachwerkbauweise errichtet. Die tragende Konstruktion besteht aus einem Gerüst aus Holzbalken, dessen Zwischenräume – die sogenannten Gefache – mit einer historischen Ausfachung geschlossen wurden.
Besonders auffällig ist das engmaschige Geflecht aus dünnen Holzstäben. Bei dieser Bauweise wurden sogenannte Staken, also dünne, meist senkrechte Holzstäbe, zwischen den tragenden Hölzern befestigt. Je nach Ausführung wurden sie durch waagerechte Ruten oder gespaltene Holzleisten ergänzt beziehungsweise miteinander verflochten. Auf diese Weise entstand ein stabiles Trägergerüst für die Wandfüllung.
Anschließend wurden die Zwischenräume mit einem Gemisch aus Lehm und pflanzlichen Fasern, häufig Stroh, ausgefüllt. Der Lehm diente als Bindemittel, während das Stroh die Masse verstärkte und Rissbildung entgegenwirkte. Die Oberfläche konnte anschließend mit einem Lehmputz überzogen und geglättet werden. Bei der Scheune am Wetterbach ist die Holzkonstruktion mit der dahinterliegenden Füllung heute besonders gut sichtbar.
Beschreibung des Giebels
Der hohe, steil aufragende Giebel folgt der Dachform und wird durch kräftige Holzbalken gegliedert. Horizontale Riegel, senkrechte Hölzer und diagonale Streben bilden ein vielschichtiges Fachwerkgefüge. Die zahlreichen schmalen Holzstäbe in den Gefachen sind ein besonderes Merkmal dieser Wand und lassen die historische Herstellungstechnik unmittelbar erkennen.
Die Konstruktion diente nicht nur dazu, die Wandflächen zu schließen, sondern war Bestandteil des gesamten Gebäudes. Die Ausfachung schützte den Innenraum vor Wind und Witterung, während das hölzerne Tragwerk die konstruktive Stabilität gewährleistete. Die dunkle Färbung des Holzes ist durch langjährige Bewitterung und Alterung entstanden; sie erlaubt allerdings keine verlässliche Aussage über das Baujahr.
Historische Bedeutung
Die Giebelwand dokumentiert eine traditionelle Handwerkstechnik, bei der Holz und natürliche Baustoffe wie Lehm und Stroh verwendet wurden. Solche Konstruktionen waren besonders in landwirtschaftlichen Gebäuden verbreitet. Die erhaltene Wand bietet damit einen Einblick in die frühere Bau- und Landwirtschaftsgeschichte von Grünwettersbach.
Das genaue Baujahr der Scheune ist bislang nicht bekannt. Auch die konkrete Ausführung der Ausfachung sollte vor Ort näher untersucht werden, um sicher zwischen Flechtwerk, Stakenwerk und möglichen späteren Veränderungen unterscheiden zu können.


